Editionen

Die Corpus-Christi-Apokalypse

Die bilderreichste Apokalypse der Gotik

Cambridge, Corpus Christi College, MS 20


Im Reichtum der Ausstattung überragend

Seit 1575 hütet die Parker Library im renommierten Corpus Christi College in Cambridge die am reichsten ausgestattete englische Apokalypsehandschrift des 14. Jahrhunderts. Auf 72 Blatt im Format von ca. 37 × 26 cm reihen sich in dichter Abfolge nicht weniger als 121 großformatige Miniaturen in leuchtenden Farben, aus denen reichlich Gold und Silber funkelt. Die meisten der strahlenden Goldflächen sind zusätzlich mit feiner Ziselierung und Punzierung verziert. Vor phantasievoll gemusterten Bildhintergründen läuft das dramatische Geschehen in faszinierenden Bildern ab. 280 blaue Initialen mit rotem Fleuronnée und 59 goldene Initialen schmücken die Texte in anglonormannischer und lateinischer Sprache.

»Faksimile-und Kommentarband präsentieren in bestmöglicher Abbildungs- und Druckqualität die ritterliche englische Miniaturmalerei des vierzehnten Jahrhunderts auf dem neuesten Stand der Forschung wie kaum ein anderes Buch.«

Karl-Georg Pfändtner
Bayerische Staatsbibliothek München, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. Juli 2013
»A total of 121 large framed miniatures are set on almost every page. The intensity of their vivid colours is enhanced by brilliant burnished silver and gold leaf tooled with intricate patterns of dots and incised lines. This facsimile faithfully reproduces the subtle hues of the strongly contrasting colours, and the very difficult task of reproducing the complex and delicate tooled patterns on the gold has been achieved with amazing success. This is an absolutely remarkable technical achievment, and the result is of the very highest standard of modern facsimile production, fully expressing the powerful visual effect of this very beautiful book.«

Nigel Morgan,
Emeritus Honorary Professor of History of Art, University of Cambridge

 

Das Buch mit sieben Siegeln – geheimnisvoll und inspirierend

Unter »Apokalypse« versteht der allgemeine Sprachgebrauch die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch des Neuen Testaments. Auf der griechischen Insel Patmos erfuhr der von Kaiser Domitian (51–96 n. Chr.) dorthin verbannte Johannes seine Vision vom Weltende und Jüngsten Gericht mit anschließendem Anbruch des Reich Gottes und schrieb alles in einer stark bildhaften Sprache nieder.

Die Sprachgewalt und Symbolkraft dieses gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstandenen Textes hat die Menschen des Abendlands schon immer fasziniert und inspiriert. Im Mittelalter ist die Apokalypse eines der am meisten kommentierten biblischen Bücher, dessen verschiedene Auslegungen von beträchtlichem Einfluss auf das gesamte abendländische Geschichtsverständnis waren.

 

Einzigartige Kombination: Apokalypse – Jenseitsvision – Krönungsordnung

Mit ihrem Miniaturenreichtum übertrifft die Corpus-Christi-Apokalypse alle anderen Apokalypsehandschriften der Zeit. Auch inhaltlich ist sie einzigartig: Neben der Offenbarung des Johannes enthält sie eine reich illustrierte Version der Visionen des Apostels Paulus von seiner Höllenfahrt sowie eine Abschrift der englischen Krönungsordnung, wie sie bei der Krönung von Edward II. zur Anwendung kam.

Die Zusammenstellung dieser drei Texte zu einem einzigen Codex ist absolut einzigartig. Dabei wurden nicht wie so häufig bereits bestehende Texte einfach zu einem Buch zusammengebunden, sondern die Handschrift wurde in einem Zug hergestellt, von einem einzigen Schreiber geschrieben und von einem, vielleicht zwei Meistern prachtvoll illuminiert. Insofern ist davon auszugehen, dass die ungewöhnliche Kombination von Anfang an ein expliziter Wunsch des Auftraggebers war.

 

Erstmals Bilder von der Vision des Paulus

Den Hauptteil, nämlich 60 Folios mit 106 Miniaturen, macht die Offenbarung des Johannes aus. Die Paulusapokalypse belegt mit 14 Miniaturen die nächsten acht Blatt. Die Faksimile-Edition der Corpus-Christi-Apokalypse macht zum ersten Mal überhaupt den eindrucksvollen Bilderzyklus der dem Apostel Paulus zugeschriebenen Vision zugänglich. Mit einer ganzseitigen feierlichen Miniatur eröffnet schließlich die Krönungsordnung.

 

Prachthandschrift für einen Würdenträger am englischen Hof

In den Jahren zwischen 1340 bis 1350 wurde die Handschrift vermutlich für John de Cobham, einen Würdenträger am englischen Hof, in einer einzigen Kampagne in London von einem oder zwei Meistern in dieser verschwenderischen Fülle und Pracht ausgestaltet. Im späteren 14. Jahrhundert gehörten die Lords of Cobham zu den führenden Familien mit großem Landbesitz im Südosten Englands. Johns Vater, Lord Henry, amtete als Oberrichter bei der Schatzkammer in Westminster. Von seinen Vorfahren hatte er das Recht geerbt, bei Königskrönungen den Baldachin zu tragen, unter dem der König schritt. Beide Cobhams haben an Königskrönungen teilgenommen, Lord Henry an der Krönung Edwards II. 1308 und sein Sohn John an der Krönung Edwards III. im Jahr 1327. Es ist daher naheliegend, dass der Auftraggeber die Krönungsordnung als Erinnerung an diesen feierlichen Akt für seine kostbarste Handschrift abschreiben ließ.

 

Die Offenbarung des Johannes in anglonormannischen Versen

Die Corpus-Christi-Apokalypse ist ein zweisprachig lateinisch-anglonormannisches Buch. Anglonormannisch ist der altfranzösische Dialekt, der seit der Eroberung Englands (1066) durch Herzog Wilhelm von der Normandie bei Hof und von der englischen Oberschicht gesprochen wurde. Die durchgehende Verwendung zeigt, wie wichtig es dem Auftraggeber war, die Texte in der ihm vertrauten Sprache lesen und verstehen zu können.

Auf jede Miniatur folgt zuerst die entsprechende lateinische Passage aus der Bibel in stark abgekürzter Form. Daran schließt sich eine anglonormannische Versparaphrase des Bibelauszugs an. Ein exegetischer Kommentar, ebenfalls in Anglonormannisch, nimmt dann auf beides Bezug. Dieser Kommentar erlaubt uns heute, die mittelalterliche Sichtweise der rätselhaften Johannes-Offenbarung nachzuvollziehen.

 

Schmuckstück der weltberühmten Parker Library

Nach dem Tod von Henry oder John de Cobham gelangte die Corpus-Christi-Apokalypse in den Besitz von Juliana de Leybourn, die die Handschrift 1367 der Benediktinerabtei St Augustine’s in Canterbury vermachte. In der Reformation wurde die Abtei 1538 aufgelöst. In dieser unruhigen Zeit erwarb und rettete der passionierte Bücher- und Handschriftensammler Matthew Parker (1504–1575) Hunderte von Handschriften.

Matthew Parker war für neun Jahre Direktor des Corpus Christi College, später auch Vizekanzler der Universität Cambridge. Im Jahr 1559 bestellte ihn Elizabeth I. zum Erzbischof von Canterbury, dem Oberhaupt der Kirche von England. Im Jahr vor seinem Tod vermachte er seine 480 Handschriften zählende Sammlung, darunter die Corpus-Christi-Apokalypse, seinem ehemaligen College, wo sie bis heute den Grundstock der nach ihm benannten berühmten Parker Library bildet.

 

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Die Corpus-Christi-Apokalypse im Überblick

Cambridge, Corpus Christi College,
MS 20

Entstehungszeit: 1340–1350
Entstehungsort: London
Format: ca. 37 × 26 cm
Umfang: 144 Seiten (72 Blatt)
Inhalt: Johannesapokalypse + Paulusapokalypse + Krönungsordnung
Sprache: Latein und Anglonormannisch
Künstler: Ein oder zwei Meister aus London

Auftraggeber: vermutlich John de Cobham, zweiter Baron Cobham (gest. 1355)

Geschichte: Nach dem Tod Cobhams gelangte die Handschrift über Juliana de Leybourn in den Besitz von St Augustine's Abbey in Canterbury. Nach Auflösung der Abtei erwarb Matthew Parker, Erzbischof von Canterbury, die Handschrift und vermachte sie 1575 als Schmuckstück seiner bedeutenden Sammlung dem Corpus Christi College in Cambridge.


Die Faksimile-Edition der Corpus-Christi-Apokalypse ist 2012 im Faksimile Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.

Preis auf Anfrage.