Editionen

Das Speyerer Evangelistar

Ein Monument romanischer Buchkunst

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Bruchsal 1


Eine Prachthandschrift für den Speyerer Dom voll feierlicher Würde und goldener Pracht

Das Speyerer Evangelistar gilt heute als die kostbarste Handschrift der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Mit seinem Prunkeinband aus vergoldetem Silber, besetzt mit Schmucksteinen und spätantiken Gemmen, und der eingelassenen vollplastischen Christusfigur sowie der reichen Buchausstattung mit Miniaturen und Initialen ist die Prachthandschrift eines der herausragenden Werke der deutschen Buchkunst der Spätromanik.

Um 1220 gab der Domkustos und spätere Bischof von Speyer, Konrad IV. von Tann, die Herstellung eines Evangelistars für den Festtagsgebrauch im Speyerer Dom in Auftrag. Die 77 Blatt des Speyerer Evangelistars im Format von ca. 33,2 × 25,3 cm sind gleichmäßig mit 17 ganzseitigen Miniaturen geschmückt. Die Miniaturen enthalten insgesamt 21 Einzelbilder, die Themen aus dem Neuen Testament illustrieren. Vor intensiv leuchtenden Farb- und Goldgründen entfalten sich im Bild die 16 wichtigsten Stationen aus dem Leben Jesu, dazu kommen vier ganzseitige Evangelistendarstellungen und das Bild des segnenden Christus in der Mandorla.

Kostbare Pigmente, leuchtendes Gold und viel künstlerische Phantasie machen die 70 reich ornamentierten und historisierten Initialen dieser Handschrift zu einer Augenweide. Viele Initialen sind sogar wie Miniaturen gestaltet und illustrieren ausgewählte Bibellesungen. Besonders hervorgehobene Textpassagen in goldener, blauer und alternierend rot-schwarzer Schrift bezeugen die hohe Kunstfertigkeit aller an der Ausstattung beteiligten Künstler. Drei Buchmaler aus Speyer oder Trier und fünf Schreiber lassen sich unterscheiden.

»Schon sein Einband aus getriebenem vergoldetem Silber, besetzt mit Halbedelsteinen und Gemmen ist eine Meisterleistung der Goldschmiedekunst, seine 17 großformatigen Miniaturen zu biblischen Szenen sowie seine 70 kunstvollen Initialen zeigen, wie hochentwickelt die Buchmalerei im Deutschland des 13. Jahrhunderts war (…). In der Salier-Ausstellung zählt es zu den kostbarsten Exponaten. Doch aus konservatorischen Gründen darf das Evangelistar nicht während der ganzen Dauer der Ausstellung gezeigt werden. Ab 1. August wird dann eine originalgetreue Wiedergabe des Bandes in der Schau zu sehen sein. Dank neuester 3D-Scanner-Technik – allein der Prunkeinband besteht aus 150 Einzelelementen – war es Digitalisierungsspezialisten Restauratoren und Kunsthandwerkern möglich, für den Quaternio Verlag Luzern ein Faksimile herzustellen.«

art. Das Kunstmagazin, 5/2011

 

Untrennbare Einheit: Die Handschrift und ihr Prachteinband

Ein Evangelistar gibt den Wortlaut der Lesungen aus den vier Evangelien im Ablauf des Kirchenjahrs wieder. Das sakrale Buch als Träger der göttlichen Offenbarung genoss in romanischer Zeit höchste Verehrung, dementsprechend kostbar war die gesamte Buchausstattung. Die plastische Darstellung des Christus auf dem Vorderdeckel des Speyerer Evangelistars ist daher nicht nur Schmuck, sondern auch theologisches Programm im Zusammenhang mit der Botschaft der Evangelien. Nur bei sehr wenigen Handschriften aus romanischer Zeit ist der Originaleinband noch erhalten. Um so bemerkenswerter ist es, dass der Prunkeinband des Speyerer Evangelistars die Jahrhunderte beinahe unversehrt überdauert hat und immer noch mit den Schmucksteinen und Silberplättchen aus dem 13. Jahrhundert geschmückt ist.

 

Eine vergoldete Christusfigur, zehn silberne Nielloplättchen und 54 Schmucksteine und Gemmen

Der Prunkeinband des Speyerer Evangelistars besteht aus über 150 Einzelteilen. Von monumentaler Ausstrahlung ist die vergoldete Silberfigur des thronenden Christus auf dem Einband. Sein Kreuznimbus überschneidet den schrägansteigenden Rand, der mit einer vergoldeten silbernen Wellenranke mit Weintrauben- und Akanthusmotiven verziert ist. Auf dem äußeren Rand alternieren zehn silberne Nielloplättchen mit figürlichem oder floralem Muster mit vergoldeten Vierecken, in denen je fünf Halbedelsteine, Glasflüsse und spätantike Gemmen in gezahnten Fassungen aufgebracht sind.

Noch original aus der Entstehungszeit der Handschrift im 13. Jahrhundert stammen die Nielloplättchen und die Schmucksteine. Niello bezeichnet eine alte, im östlichen Mittelmeerraum entstandene Goldschmiedetechnik, bei der schwarze Niellomasse in vorher durch Gravierung verzierte Silberplättchen aufgeschmolzen wird. Die Schmucksteine sind aus der ganzen damals bekannten Welt zusammengetragen: Achat, Amethyst, Lapislazuli, Mondstein, Bergkristall, Carneol und andere wurden verwendet. Auch spätantike Gemmen, also vertieft geschnittene (Halb-)Edelsteine, schmücken den Deckel.

Im 15. Jahrhundert wurde die vermutlich durch regen Gebrauch abgenutzte oder beschädigte Vorgängerfigur in der Mitte durch die heutige vergoldete Christusfigur ersetzt, die Steine neu gefasst und der Einband mit einem vergoldeten Rahmen eingefasst. Zu diesem Zeitpunkt überzog man auch den hinteren Deckel und den Rücken mit einem aus Italien stammenden roten Samtstoff mit eingewebtem Goldmuster.

 

Byzantinische und spätantike Vorlagen – Kreative Impulse für die Meister des Speyerer Evangelistars

An der prachtvollen Ausstattung der Seiten der Handschrift haben drei Buchmaler aus Speyer oder Trier gewirkt. Die Art der Figurengestaltung in den Miniaturen und neue Bildthemen verraten deutlich Einflüsse aus dem Mittelmeerraum und dem byzantinischen Kulturkreis. Das ist nicht verwunderlich, kam es doch im frühen 12. und 13. Jahrhundert infolge der Kreuzzüge und der Herrschaftssitze der Staufer in Italien zu einer intensiven Rezeption byzantinischer und (spät)antiker Kunst. Diese neuen Impulse, die v.a. im Kulturraum Rhein-Mosel-Maas auf fruchtbaren Boden fielen, veränderten Stil, Optik und Ästhetik der abendländischen Kunst deutlich.

Sorgfältig individualisieren die Maler des Speyerer Evangelistars die Gesichter der verschiedenen Figuren: Alte, Junge, Männer und Frauen. Sie legen Wert auf lebendige Kompositionen, die zwei oder mehr Personen zueinander kommunikativ in Beziehung setzen. Zudem machen sie Fortschritte in der korrekten anatomischen Wiedergabe der Körper und finden neue Wege, das freie Faltenspiel der Gewänder über den Gliedmaßen wiederzugeben. Auch erweitern die Künstler ihr ikonographisches Repertoire durch neue Bildkompositionen. So zeigt das Speyerer Evangelistar z.B. die Szene von Christi Geburt nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle; eine Initiale greift das in Byzanz höchst beliebte Motiv der Waschung des Christkinds auf und den hl. drei Königen wird mit vier Bildern ungewöhnlich viel Raum gegeben.

 

Kräftige Farbakkorde im Zusammenspiel mit leuchtendem Gold

Seine kräftige Farbgebung unterstreicht die neue vibrierende Intensität der Malerei. Für die Bildhintergründe wählen die Meister des Speyerer Evangelistars zumeist ein intensives Blau, das in seinem effektvollen Wechselspiel zu auf Hochglanz poliertem Gold an die Strahlkraft der Emailkunst denken lässt. Damit erinnern manche Miniaturen des Speyerer Evangelistars an den zeitweilig im Rheinland arbeitenden hervorragenden Goldschmied und Emailkünstler Nikolaus von Verdun.

 

Bischöfliches Patronat

Die Faksimile-Edition steht unter dem hohen Patronat Seiner Exzellenz, des H.H. Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Diözesanbischof der Diözese Speyer.

 

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Das Speyerer Evangelistar im Überblick

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek,
Bruchsal 1

Entstehungszeit: 1220
Entstehungsort: Speyer oder Trier
Format: ca. 33,2 × 25,3 cm
Umfang: 154 Seiten (77 Blatt)
Inhalt: Evangelistar
Sprache: Latein
Künstler: Drei Meister aus Speyer oder Trier

Auftraggeber: Konrad IV. von Tann, Domkustos und Bischof von Speyer (1233–36)

Geschichte: Als Bestandteil des Speyerer Domschatzes wird das Evangelistar 1792 vor den französischen Revolutionstruppen auf dem Rhein über Mainz, Bonn und Amsterdam nach Bremen in Sicherheit gebracht. Erst 1797 kehrt die Handschrift in die Region um Speyer zurück und wird in die fürstbischöfliche Residenz nach Bruchsal gegeben. Mit der Säkularisation gelangt die Handschrift am 26. Mai 1803 in die Markgräfisch-Badische Hofbibliothek nach Karlsruhe, die spätere Badische Landesbibliothek.


Die Faksimile-Edition des Speyerer Evangelistars ist im Frühjahr 2012 im Quaternio Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.

Preis auf Anfrage.